Es weihnachtet bald, Leute!

Da dieses Jahr keine neue Veröffentlichung von mir kam, dachte ich mir, dass ich euch zumindest an Weihnachten etwas Kleines schenken könnte. Ich präsentiere: Die erste Kurzgeschichte, die ich je veröffentlicht habe. Hyperion erschien 2015 in der Anthologie „Fantasy Noir“ im Art Skript Phantastik Verlag. Noch heute denke ich sehr gern an diese Zeit zurück, denn es war mein erster Ausflug in die Welt der Verlage und Veröffentlichungen – da könnt ihr euch vorstellen, wie aufregend das für mich war.

Seitdem ist viel Wasser die Elbe runtergeflossen und ich habe meine Rechte an der Geschichte schon seit einer Weile zurück, denn die Anthologie gibt es in dieser Form nicht mehr zu kaufen. Aber ich hänge sehr an der Story, den Charakteren und einer meiner großen Wünsche für die Zukunft ist es tatsächlich, eines Tages mit einem Roman in diese Welt zurückzukehren. Also habe ich mich mal eine Stunde hingesetzt und den Wumms überarbeitet (es gibt ein paar Dinge, die sich retrospektiv geändert haben, weil ich schon ein Manuskript geschrieben habe).

Deshalb habe ich lange überlegt, wie ich euch die Geschichte zugänglich machen kann, und habe mich für den Weg „Überraschendes Weihnachtsgeschenk“ entschieden. Passt heute sogar ganz gut, denn Hyperion hat am 21.12. Geburtstag.

Aber nun ohne weitere Vorrede: Ich präsentiere Hyperion!

 

 

HYPERION

Es gibt drei Wege, um eine Fee zu töten: mit Liebe, Eisen oder der Kälte des Winters auf ihrer magiedurchwirkten Haut. Ich war gewiss noch nie verliebt, doch ich kannte den Biss des Winters und hütete mich von Natur aus vor Metall. So viel Vorsicht und Argwohn, und am Ende stürzte ich dennoch aus einem himmelhohen Fenster. Ich war ein Idiot. Ich hätte Hyperion niemals zum Leben erwecken dürfen.

Aber was tut man nicht alles für die Wissenschaft.

Heutzutage hat es niemand mehr nötig, auf den Friedhof zu gehen und Leichen auszubuddeln, um nachzusehen, ob sie zu Lebzeiten wirklich nur Pudding statt einem Gehirn im Schädel hatten. Allerdings stelle ich keine Fragen, wenn mir beim Abendspaziergang am Fluss ein toter Mann entgegentreibt. Nicht gerade die feine Art, ich weiß. Aber ich brauchte jemanden zum Experimentieren, vorzugsweise tot … um sicherzugehen, dass alles funktionieren würde, wenn ich mich auch an den Lebenden versuchte.

Er ist jung, notierte ich, kaum dass ich ihn im Schutz der Nacht nach Hause geschleppt und auf den Labortisch geklatscht hatte. Langes weißblondes Haar. Schnitt im Hals. Sieht aus wie ein Höhlenfisch, dem die Kiemen aus der Kehle hängen.

Probiere die einundzwanzigste Mischung.

Ich legte das Notizbuch weg und steckte dem Toten einen Trichter in den Mund, damit ich meine Tinktur hineinkippen konnte. Ich hatte einige Präparate verwendet, die oben in Selene hergestellt wurden und die es Menschen erlaubten, einfache Zauber zu wirken – vermischt mit meinen eigenen Zutaten, gesammelt und verfeinert in jahrelangen Studien. Aber kommen wir zu dem interessanten Punkt, dem Augenblick, in dem Daro Navarre die Toten tanzen ließ. Wie viele Wissenschaftler vor mir hatten von einem solchen Triumph geträumt und versagt?

Natürlich hatte keiner von ihnen Feenblut in den Adern.

Meine Güte, es funktionierte.

Ich traute meinen Augen kaum, als der fremde Mann Luft holte. Es rasselte bei jedem Atemzug, den er tat, doch die Wunde sah nicht mehr so schlimm aus wie zuvor, und sein gequältes Stöhnen verriet mir, dass er bei Bewusstsein war. Ich hätte jubelnd um den Labortisch tanzen mögen, aber ich beschränkte mich auf eine stoische Notiz. Offenbar hat es dieses Mal funktioniert.

»Nicht bewegen«, mahnte ich. »Hast du Schmerzen?«

»Ich … nein.« Kurzes Schweigen. »Ich wollte mit Arion reden …«

»Allerdings bist du zwischendurch gestorben. An deiner Stelle würde ich derart gefährliche Unternehmungen vermeiden.« Als er nicht darauf reagierte, stieß ich ein leises Seufzen aus. »Mein Name ist übrigens Daro. Wissenschaftler und Arzt, umwerfend aussehendes Genie.«

Der Mann schwieg. Seine Augen starrten an die Decke, zwei schwarze Löcher in dem kreidebleichen Gesicht. So wie er aussah, war er entweder reich oder wichtig. Ich hoffte auf Ersteres; gegen eine kleine finanzielle Zuwendung für meine Dienste hatte ich nicht das Geringste einzuwenden.

»Ich heiße Hyperion«, sagte er schließlich.

»Deine Eltern mochten dich nicht, oder?«

»Sagt der Richtige.«

»Ich habe meinen Namen von einem Freund«, sagte ich gereizt. »Wo bleibt überhaupt deine Dankbarkeit? Ich habe dich von den Toten zurückgeholt. Jetzt kannst du ein Leben mit Dummheiten füllen, das dir eigentlich gar nicht mehr zusteht.«

Hyperion fuhr hoch. »Ich war tot?«

»Natürlich warst du das.« Ich sah zu, wie er sich an die Kehle griff, über den Schnitt dort tastete und seiner entsetzten Miene zufolge die richtigen Schlüsse zog. »Aber da du vermutlich weißt, wer es war …«

»Ich weiß es nicht.«

Ich blinzelte. »Interessant.«

Hyperion ließ die Hand sinken. Blut klebte an seinen Fingern, aber die Erschütterung in seinem Blick war deutlich schwerer zu ertragen.

»Ich muss es herausfinden«, flüsterte er. »Ich kann nicht einfach … hoffen, dass nichts passiert. Es wird wieder geschehen. Ich will darauf vorbereitet sein.«

»Viel Spaß, Kleiner. Die Tür ist da drüben.«

Hyperion blickte drein wie ein verwirrtes Hündchen. »Aber … warum hast du mich aufgeweckt, wenn du nicht wissen willst, wer mich umgebracht hat?«

Ich zuckte mit den Schultern. Natürlich hatte ich alles für Diane getan, doch das ging diese Bohnenstange nicht das Geringste an. »Was bekomme ich überhaupt dafür, dass ich dich zum Leben erweckt habe? Eine Badewanne voll Geld und zwei hübsche Frauen, die sie auffüllen, wären ja wohl das Mindeste.«

Hyperion begann in seiner Westentasche zu wühlen. Nach einigen Augenblicken kam ein Bündel Geldscheine zum Vorschein, bedruckt mit Zahlen, die mir schlagartig den Boden unter den Füßen wegzogen. Er warf es mir zu, und ich fing es ungeschickt auf. Meine Güte. Warum war dieser Junge so reich?

»Du bekommst das Vierfache, wenn du mir hilfst.«

»Ich hole meinen Mantel«, entschied ich spontan. »Wir gehen Spuren suchen.«

Hyperion grinste schief.

Die Fabrikschlote rauchten, als wir mein Reihenhaus verließen und uns in das aufregende Nachtleben der Menschenwelt stürzten. Es schneite unablässig; ich schüttelte mir die Flocken aus dem Haar, während Hyperion in seinem maßgeschneiderten Anzug durch die Gegend stolzierte, als sollte er gleich einen Preis entgegennehmen. Seine Wunde war unter einem Schal verborgen, sein Haar zu einem Zopf zusammengefasst. Er sah aus, als wollte er sich gleich auf ein Motorrad schwingen und quer über den Kontinent brausen, am besten mit einem frisch beschworenen Drachenküken auf der Schulter.

»Erzähl mir etwas über dich«, sagte ich bibbernd. »Wo du herkommst, woran du dich erinnerst. Wir brauchen Dinge, mit denen wir arbeiten können.«

Hyperion zog die Stirn kraus. »Da war … ein Schreibtisch. Ich hatte rote Hände, obwohl sie orange hätten sein sollen. Die Trennwände haben nicht geholfen … ich wusste nur, dass ich einen Fehler gemacht hatte, und plötzlich war es vorbei.«

»Huch. Bist du betrunken?«

»Du wolltest doch wissen, woran ich mich erinnere«, verteidigte sich Hyperion.

Er machte so große Hundeaugen, dass ich mich fast schlecht dabei fühlte, ihm widersprechen zu wollen; dann wandte er sich ab, und das Gespräch war beendet. Ich bemerkte erst nach ein paar Sekunden, dass er durch den neonfarbenen Schein der Leuchtreklamen auf ein Plakat starrte. Der Rote Schwan, verkündete es. Eine Frau in einem eng anliegenden Kleid war darauf abgebildet, die eine Haarlocke um ihren Finger drehte.

»Sehr hübsch«, kommentierte ich, »aber dafür bist du noch zu klein.«

Hyperion warf mir einen gereizten Blick zu. »Sagst du eigentlich jemals etwas, das die Leute hören wollen?«

»Ich könnte ein Loblied auf dich singen, wenn du magst. Kostet aber extra.«

Hyperion ignorierte mich und ging. Ich folgte ihm mit hochgezogenen Brauen und war nicht eben überrascht, als er mich zum Roten Schwan führte und mit erstaunlicher Souveränität nach drinnen marschierte. Es war ein Laden für die reichen Trinker, das sah man sofort; der Tresen bestand aus dunklem Holz, das einen angenehmen Geruch verströmte, und die Spiegelfront dahinter reflektierte den Schein unzähliger Laternen. Trotz der späten Stunde mangelte es keineswegs an Gästen. Ich hoffte stumm, dass Hyperions Mörder nicht hier war. Was, wenn er auf die Idee kam, mich ebenfalls einen Kopf kürzer zu machen?

Wir machten es uns in zwei Sesseln an einem flachen Tisch gemütlich. Prompt erschien eine Bedienung und nahm unsere Bestellungen auf, und ich lehnte mich stumm in meinem Sitz zurück.

»Wie hast du mich eigentlich zurückgeholt?«, fragte Hyperion abrupt.

»Das ist ein Geheimnis.« Heutzutage erzählt man besser niemandem mehr, dass man Feen in der Familie hat, wenn man an seinen inneren Organen hängt. Okkulte Zirkel reißen sich um die Körperteile eines Wechselbalges wie mir, und da meinesgleichen nicht an eingeschlagenen Schädeln stirbt, dürfte allein mein Herz so viel wie Hyperions Brieftasche wert sein.

Hyperion bedachte mich mit einem ärgerlichen Blick.

»Reden wir lieber über dich«, sagte ich unwirsch. »Was ist mit diesem Lokal?«

»Ich bin öfter hier.« Eine Fliege landete auf dem Tisch, und obwohl Hyperions Stimme ruhig war, zermatschte er sie mit einem unnötig heftigen Hieb. »Es gibt ziemlich guten Schnaps im Roten Schwan.«

»Du siehst gar nicht wie jemand aus, der viel trinkt«, bemerkte ich. »Außerdem ist es ungesund. Was würde deine Frau dazu sagen?«

»Ich habe keine Zeit für Frauen.«

Seltsamerweise überraschte mich diese Antwort nicht besonders. Ich machte mir so wenig aus derlei Dingen wie er; meine Schwester und meine Haushälterin waren die einzigen Personen, die ich regelmäßig sah, und Diane war keine gute Gesprächspartnerin. Deswegen hatte ich es mir angewöhnt, für mich zu bleiben und nach einer Lösung für meine Probleme zu suchen. Wie nahe ich meinen Zielen gekommen war, als ich Hyperion erweckt hatte …

Ein Elixier, durch das sich Verletzte regenerieren konnten. Wenn es Tote wiederbeleben konnte, konnte es alles heilen.

Ein Schatten löste sich aus der farbenprächtigen Dunkelheit und rutschte an unseren Tisch. Es war eine junge Frau mit gebräunter Haut und rot gefärbtem Haar, das ihr in sanften Wellen den Rücken hinabfiel. Die Beine unter ihrem eng geschnittenen Abendkleid schienen überhaupt kein Ende zu nehmen … und ihrem Lächeln zufolge wusste sie genau, welchen Eindruck das zu hinterlassen vermochte.

»Hallo, Hyperion. Was führt dich hierher?«

Hyperion starrte sie an, als hätte er noch nie eine Frau gesehen.

»Mein Patient ist durcheinander«, sagte ich rasch. »Er leidet an einer Gehirnerschütterung, also seien Sie nicht zu streng mit ihm, wenn er etwas verwechselt.«

»Gute Besserung.« Sie sprach sehr ruhig, aber ich hörte das Lächeln in ihrer Stimme. »In Zeiten wie diesen braucht Selene einen Leiter, der weiß, was er tut – die Arbeiter streiken andauernd, wissen Sie. Mit wem habe ich überhaupt das Vergnügen?«

»Daro Navarre.« Die Bedienung brachte unsere Getränke, und ich nippte an meinem Glas, um meine Verwirrung zu überspielen. »Hyperion ist der Besitzer von Selene?«

Ihre Mundwinkel zuckten, eine sinnlich rote Linie in dem dezent geschminkten Gesicht. »Er erzählt wohl nicht viel von sich … aber ja, ihm gehört die Fabrik, und ich bin seine Sekretärin. Zumindest bis heute. Man hat mir gesagt, dass es einen Wechsel in der Führungsriege gab. Jetzt sitzt vermutlich Arion dort oben und lässt es sich gut gehen.«

Ich steckte die Nase in mein Glas. Das erklärte nicht nur, woher Hyperion sein Geld zauberte, sondern stieß obendrein neue Gedankengänge an. Bestimmt hatte ein Fabrikbesitzer viele Feinde – vor allem, wenn ihm Selene gehörte, die den Lauf von Kriegen verändert hatte und dank der sich die halbe Welt ihre Zigaretten mit einem Fingerschnippen anzündete.

»Wie heißen Sie überhaupt?«, hakte ich nach.

»Nennen Sie mich Sienna.« Sie strich mit dem Finger über den Rand ihres Glases, während sie sprach. »Namen sind wichtig, finden Sie nicht?«

Ein unangenehmes Kribbeln überkam mich bei diesen Worten. Ich sah zu Hyperion hinüber, der düster in die Untiefen seines Schnapsglases starrte.

»Arion«, murmelte er; Schatten schienen auf seinem jungen Gesicht aufzutauchen. »Gehen wir. Ich erwarte dich morgen pünktlich um acht Uhr, Sienna, und kümmere dich um meine Post. Der Briefkasten wird überquellen.«

Damit stand er auf und ging. Ich tauschte einen verdutzten Blick mit Sienna, ehe ich ihm nach draußen folgte. Ich bereute sofort, dass ich kein heißes Getränk mitgenommen hatte; der Wind schnitt mir so eisig in die Knochen, dass es beinahe wehtat.

»Ich gehe jetzt in mein Büro.« Zuerst sprach Hyperion ruhig, aber dann schraubte sich die Wut in seiner Stimme in die Höhe. »Dieser verdammte Mistkerl! Ich hätte wissen müssen, dass er es war, er fällt mir ständig in den Rücken …«

»Wer ist Arion?«, sagte ich gereizt.

»Versprich mir, dass du mich nicht für verrückt hältst, wenn ich es dir sage«, schnaubte er. »Man braucht eine magische Quelle, um Selenes Präparate herzustellen. Deswegen arbeitet Arion für uns – er ist eine von diesen Feen, weißt du. Er malt Kreise mit irgendeiner glühenden Flüssigkeit, damit wir überhaupt etwas anderes als buntes Wasser verkaufen können.«

Mein Mundwinkel zuckte. Feenmagie ist Blutmagie, und von Beschwörungen bis zur Erschaffung von Flammenwänden kann man die lustigsten Dinge damit anstellen. Auch deswegen jagte man magische Wesen wie mich, und darum war ich mit meiner Schwester in die Großstadt gekommen. Wo sonst hätte ich mich verstecken sollen, in einem Erdloch mitten im Wald?

»Es klingt seltsam, ich weiß.« Hyperion warf mir einen finsteren Blick zu. »Du glaubst mir doch, oder? Du weißt, dass ich nicht verrückt bin.«

Ich nickte, obwohl mir mehrere freche Antworten auf der Zunge lagen.

Das schien Hyperion zu besänftigen. »Gut. Jedenfalls wollte Arion schon immer haben, was ich hatte. Ohne ihn funktioniert Selene nicht, deswegen glaubt er, dass Selene ihm auch gehört. Ich traue ihm zu, dass er mich … du weißt schon. Ich muss wissen, ob er es war.«

Ein Schauer überkam mich. »Und dann?«

Hyperion antwortete nicht.

Ich schluckte unwillkürlich. Dachte an Diane zurück, die vermutlich gerade im Bett lag und mit leeren Augen an die Decke starrte. Ich war bei dem Unfall dabei gewesen, der sie ihren Verstand gekostet hatte, und obwohl Feen nur auf drei Arten sterben können, war sie inzwischen doch kaum mehr als eine verlassene Hülle. Ich werde mich rächen, hatte ich gedacht, als ich das Automobil davonfahren sah, das sie durch die Luft geschleudert hatte. Ich bringe dich um.

Ich hatte es nie getan. Aber ich hatte geforscht, um Diane zu retten, und mein Resultat ging neben mir.

Auf dem Weg zu Selene redeten wir nicht viel; Hyperion schien zu wütend dazu zu sein, und ich bekam vor Kälte kaum noch die Zähne auseinander. Dennoch staunte ich, als ich die Fabrik aus der Nähe sah, eine himmelhohe Mischung aus Werkhallen, Leuchtreklame und dem Geschmack von Ruß, der mir den Mund zu verkleben drohte. Es sah nicht aus wie ein Ort, an dem man Magie in kleinen Flaschen abfüllte. Hätte ich nicht gewusst, dass ich vor Selene stand, hätte ich auf eine Waffenfabrik getippt.

Hyperion ging unbeeindruckt an der düsteren Fassade vorbei, und ich folgte ihm durch eine Seitentür zu einem Aufzug, dessen Innenverkleidung vermutlich mehr gekostet hatte als mein ganzes Haus. Von der verglasten Front aus konnte man die Arbeiter sehen, die sich an den Maschinen abrackerten, obwohl es längst auf Mitternacht zuging. Gebeugte Gestalten und magische Verpuffungen, Staub und Schweiß, endlose Reihen von Flaschen, die von zarten Frauenhänden verkorkt wurden. Ich legte die Finger an das Glas zwischen mir und ihnen und wunderte mich, wie kühl es war. Es war fast, als würde ich ein bizarres Aquarium besuchen.

»Siehst du dir das oft an?«, fragte ich leise.

»Nein. Es interessiert mich nicht.«

Ich zog die Brauen zusammen. »Warum willst du deine Fabrik dann wieder?«

»Nicht für sie«, sagte Hyperion scharf. »Nur für mich.«

Die Deckenlampe flackerte und tauchte uns kurz in Dunkelheit.

»Du fängst an, dich zu erinnern, oder?«

Hyperion nickte, die Augen schwarz wie Holzkohle. Ich spürte, dass er fragen wollte, wie ich darauf kam; aber ich war mir selbst nicht sicher. Die Intuition einer Fee? Die Tatsache, dass er die ganze Zeit ein düsteres Gesicht machte, obwohl er vorhin noch mit einem niedlichen Hundeblick herumgelaufen war?

Ich setzte zu einer Antwort an, und im gleichen Augenblick bohrten sich schwarze Krallen durch die Decke des Aufzugs.

Holz splitterte. Hyperion fuhr zurück und drückte sich an die Wand, aber ich blieb wie angewurzelt stehen, den Blick nach oben gerichtet. Staub und Späne rieselten auf uns hinab, während sich die Klauen nach drinnen arbeiteten. Es juckte, davon eingepudert zu werden. Ich kratzte mich an den Unterarmen. Meine olivfarbene Haut riss plötzlich auf, als sei sie seit Jahren schon vertrocknet gewesen.

Eine fürchterliche Ahnung überfiel mich.

»Hyperion«, sagte ich, »befindet sich irgendwo in diesem Schacht Eisen?«

Hyperion schüttelte den Kopf; sein Gesicht hatte die Farbe eines toten Höhlenfisches angenommen. »In meinem Büro gibt es Trennwände aus Gusseisen. Ich habe sie aufstellen lassen, um gegen Arion …«

Hyperion unterbrach sich und starrte mich an. Ich konnte förmlich hören, wie der Groschen bei ihm fiel.

»Es hat sich daran gerieben«, murmelte ich. »Deswegen bringt es Eisenstaub mit. Es ist wahrscheinlich voll davon, aber Feenwesen vertragen es nicht, und daher muss es …«

Die Decke der Kabine wurde fortgerissen, und plötzlich flimmerte die Luft vor Hitze.

»… ein Drache sein«, murmelte ich.

Jegliche noch verbliebene Farbe wich aus Hyperions Gesicht; ich fand, dass er sich gut für jemanden hielt, der gerade zum ersten Mal einem geschuppten Höllenmonster entgegenstarrte. Die Kreatur war noch jung, vielleicht zwei oder drei Meter lang, obwohl sie auf so engem Raum wie ein Fleischberg wirkte. Funken sprühten, als der dornenbesetzte Schwanz an den Schachtwänden entlangschrammte. Kein angenehmer Anblick.

Hoffentlich konnte der Drache kein Feuer spucken.

Hoffentlich schüttelte er mir nicht den Eisenstaub entgegen.

»Sei ein braver Junge, ja?«, sagte ich vorsichtig.

Seine Antwort bestand in einem ohrenbetäubenden Brüllen. Ich fluchte und wich unter seinen ärgerlichen Flügelschlägen zurück, bis ich an der gebogenen Glaswand stand, die eine Hälfte der Kabine ausmachte. Einen Sturz konnte ich überleben. Theoretisch hielt ich sogar einen Feuerstrahl der Bestie aus, aber ich hatte keine Lust, mich wochenlang mit schweren Verbrennungen herumzuschleppen.

Ich sah zu Hyperion hinüber und sah ihn vor meinem inneren Auge verbrennen.

Weglaufen war keine Option.

Ich knöpfte meinen Mantel auf und ließ ihn fallen. Orangerotes Feenblut rann über meine Unterarme, und ich nahm es mit zwei Fingern auf und zeichnete ein Dreieck auf den Boden. Der Drache schien zu bemerken, dass Magie in der Luft lag, steckte die Schnauze in die Kabine und schnappte nach meinem Kopf. Ich duckte mich unter seinen glänzenden schwarzen Zähnen, und eine Mischung aus faulig heißem Atem und Metallgestank schlug mir entgegen.

»Hör auf!«, fauchte Hyperion. »Hoch mit dir, na los!«

In seiner Stimme lag eine seltsame Autorität. Vielleicht war es auch der Glaube des verwöhnten Fabrikbesitzers, dass sich sowieso alles nach seinen Wünschen richten würde. Aber Hyperions Einmischung genügte, damit der Drache die Augen auf ihn richtete, und ich nutzte die Gelegenheit und schloss das Dreieck.

Komm schon … komm schon …

Licht brach aus meiner blutigen Zeichnung.

Der Aufzug machte einen heftigen Ruck nach oben. Hyperion schrie erschrocken auf, und der Kopf des Drachen schnellte nach unten, als wir an Stahlträgern vorbei in die Höhe rauschten. Ich fühlte, wie mir die Magie Kraft aus meinen Adern zog, und lehnte mich an die Wand. Schneller. Immer schneller.

Fast zu schnell.

Der Schacht hinter der Glasscheibe verschwamm, und dann kam die Erschütterung. Staub quoll aus den Rissen über uns, als sich die Kabine nach oben trieb und den Drachen gegen die Decke des Schachts drückte. Die Kreatur stieß ein gequältes Kreischen aus, ehe ihr Kopf schlaff nach vorn fiel. Blut sickerte aus ihrem Maul. Es verdampfte, bevor es den Boden erreichte.

Die Tür hinter Hyperion öffnete sich mit einem Klingeln. Ich verwischte eine Linie des Dreiecks mit dem Fuß und schob mich an dem dunkel geschuppten Hals vorbei, der wie ein groteskes Lampenkabel von einer Seite zur anderen baumelte.

»Du bist einer von ihnen«, sagte Hyperion tonlos.

Sein Gesichtsausdruck gefiel mir überhaupt nicht. »Mütterlicherseits. Ich habe meinen Vater nie kennengelernt, aber man sieht an meinem Blut, dass er ein Mensch war.«

»Sehr traurig.« Aber Hyperions Blick war dunkel und wütend. »So hast du mich also wiederbelebt. Ein wenig Hokuspokus, und schon stehe ich in deiner Schuld, nicht wahr? Das ist es, worauf du hinaus willst!«

»Mach dich nicht lächerlich«, sagte ich schroff.

»Du hast diese Bestie einfach zermatscht«, fauchte er zurück. »Wer sagt, dass du nicht das Gleiche mit mir tun kannst?«

Ich lächelte gehässig. »Dann wäre es keine gute Idee, mich zu ärgern.«

Hyperion schoss einen finsteren Blick auf mich ab, verfiel jedoch in Schweigen. Meinetwegen. Ich hatte sowieso bereits halb beschlossen, mich aus dem Staub zu machen, sobald sich eine passende Gelegenheit bot.

Wir traten in ein großzügiges Büro mit einer Fensterfront hinter dem Schreibtisch. Auf der polierten Holzplatte glomm eine Lampe mit grünem Schirm, und halb geleerte Schnapsgläser stapelten sich im Halbdunkel. Ich sah einen Brieföffner glänzen, sah die Lehne eines dunklen Sessels und einen reglosen Mann darin. Für einen Augenblick dachte ich, dass er eingedöst war … doch dann schaltete Hyperion hinter mir das Licht ein.

Flackern. Ich schluckte. Dort, wo sein Kopf hätte sein sollen, befand sich nichts mehr; nur noch ein Stummel, der einst sein Hals gewesen sein mochte, ragte aus dem blutgetränkten Kragen seines Anzugs heraus.

Mir wurde übel. Dennoch zwang ich mich, Ruhe zu bewahren, und ließ den Blick über den Tisch schweifen. Ich hielt es für möglich, dass der Drache den Schädel des Ärmsten zum Abendessen verspeist hatte, aber trotzdem klebte deutlich zu viel Blut auf dem Boden.

Hyperion sprach aus, was ich dachte. »Ich bin hier gestorben.«

Ich betrachtete die kopflose Leiche mit einem Stirnrunzeln.

»Er war es nicht«, sagte Hyperion in leiser Wut. »Ich … habe ihn umgebracht, ja. Mit einem Messer. Dann habe ich jemanden gehört und mich umgedreht, und auf einmal …«

Er griff sich an die Kehle. Plötzlich war er sehr blass.

Ein leises Klicken brach die Stille.

»Warum bist du noch am Leben?«, flüsterte Sienna.

Hyperions Augen wurden schmal.

Stille, gefolgt von leisen Schritten. Ich spannte mich an, als Sienna an mir vorbeirauschte, ihre Pistole fest auf Hyperion gerichtet. Ich sah ihr an, dass sie nicht verstand, aber Angst schien sie nicht mitgebracht zu haben. Das machte nichts. Ich hatte genug Angst für alle.

»Das war dein Drache«, platzte ich heraus, bevor sie auf Hyperion schießen konnte.

Siennas wandte sich zu mir um.

»Was?«, sagte sie verdutzt.

»Wenn das da Arion ist …«, sagte ich und deutete auf den Toten, »… dann kann er keine Fee sein. Feenblut ist orange, selbst wenn es gerinnt, und außerdem wäre er unmöglich zu köpfen gewesen. Du aber kommst einfach hierhergewuselt, kaum dass wir diesen übergroßen Salamander erledigt haben, und benimmst dich, als wärst du unsterblich. Das Mistvieh hat dir als Wache gedient, schätze ich.«

»Und trotzdem hat Arion Selene mit Magie versorgt.« Mir entging nicht, dass sie sich so drehte, dass sie uns beide im Auge behalten konnte. »Wie soll er das angestellt haben?«

»Jeder Dorftrottel kann Zauber wirken, wenn er die passenden Zutaten hat. Allein deswegen funktionieren Selenes Präparate.« Ich erwiderte ihr Lächeln, obwohl mir nicht danach zumute war. »Du hast ihm dein Blut gegeben, damit er alles am Leben erhält. Aber warum? Ich glaube, die Antwort liegt tot im Sessel. Hyperion hasst Feen, und das hast du gewusst.«

Sienna nickte. Ihre Fassung schien wieder zu ihr zurückzuströmen, als hätte sie eine angenehm kühle Dusche genossen. Mir war schon aufgefallen, dass sie sich über nichts zu ärgern schien, aber jetzt fand ich es außerordentlich befremdlich.

Neben mir ballte Hyperion die Faust.

»Du hast mich getötet!«, brauste er auf. »Warum? Warum? Ich bezahle dir ein verdammtes Vermögen, du hattest überhaupt keinen Grund, mir wehzutun!«

Sienna bedachte ihn mit einem eisigen Blick. »Ich wollte dir nur ein paar Dinge zum Unterschreiben vorbeibringen. Stattdessen durfte ich zusehen, wie Arion den Kopf verlor – und ich wette, dass du es geplant hattest. Du bist bösartig, Hyperion. Es war richtig, dich in den Fluss zu werfen, bevor du noch mehr Menschen getötet hättest.«

Sienna drückte ab. Hyperion warf sich zu Boden, langte erstaunlich geistesgegenwärtig nach ihrem Bein. Sie versuchte zurückzuweichen, doch er schloss die Finger um ihren Knöchel. Selbst durch den Stoff ihrer Strumpfhose sah ich Siennas Haut trocknen und bluten. Hyperion zerrte so heftig an ihr, dass sie strauchelte und hinfiel, und schlug ihr die Pistole aus der Hand.

Sie schrie die ganze Zeit, als stünde sie in Flammen.

Natürlich. Hyperion musste voller Eisenstaub sein.

Hyperion zog Sienna auf die Beine und schleuderte sie der Fensterfront entgegen. Ein Splittern, gefolgt von einem letzten Schrei. Dann war es still. Wo Sienna gestanden hatte, wehte nur noch der Wind, kalt und unerbittlich. Noch nie in meinem Leben hatte ich so sehr gefroren wie in diesem Augenblick.

»Du hast sie gestoßen«, flüsterte ich, und meine Stimme brach.

Hyperion bedachte mich mit einem scharfen Blick. Plötzlich hatte er nichts mehr mit dem jungen Mann gemeinsam, den ich irgendwann in dieser unendlich anstrengenden Nacht wiederbelebt hatte.

»Weißt du«, sagte er langsam, »ich mag Feen nicht besonders.«

Bevor ich etwas erwidern konnte, hatte er meinen Arm gepackt und mich zum Fenster hinübergezerrt. Ich schrie unter dem Klammergriff seiner metallbestäubten Finger auf, aber er reagierte nicht darauf, und plötzlich konnte ich nicht mehr denken.

Meine freie Hand glitt über Hyperions Schreibtisch, fand seinen Brieföffner und stach zu.

Blut quoll hervor. Hyperions Augen weiteten sich, aber er gab keinen Ton von sich, auch wenn sein Griff ein wenig lockerer wurde. Ich versuchte mich ihm zu entwinden, doch ich stockte, als ich eine einzelne Träne an seiner Wange hinabrinnen sah.

Er war grausam und gefährlich … dennoch wirkte er plötzlich wie ein Kind.

Hyperion sackte zusammen. Fiel mir in die Arme. Es lag keine Kraft mehr in dieser Bewegung; trotzdem strauchelte ich und stürzte nach hinten, bis da nichts mehr war außer Schneeflocken und dem tintenschwarzen Nachthimmel. So werde ich sterben, dachte ich. Mehr nicht. Der kalte Wind schien mein Gehirn einzufrieren.

Aber der Aufprall kam schnell, und seltsamerweise tat es gar nicht weh.

Später ging ich in mein Labor, die Arme dick verbunden und von Rückenschmerzen geplagt. Wo meine Haut nicht ihren üblichen olivfarbenen Ton traf, war sie von Blutergüssen und Schrammen bedeckt, als hätte ich mich mit den falschen Leuten geprügelt. Aber Diane lag auf meinem Tisch, die Augen geschlossen, bis auf ihre schwachen Atemzüge starr wie eine Puppe. Dunkle Locken ringelten sich über die Tischplatte, fielen neben meinen Instrumenten herab wie Efeu.

Feen können nicht an Stürzen sterben, aber es gibt schlimmere Dinge als den Tod.

Ich reihte meine Tinkturen aneinander. Kontrollierte jedes einzelne Werkzeug mit schmerzenden Fingerkuppen. Erst als ich mir absolut sicher war, dass alles in perfektem Zustand war, machte ich mich an die Arbeit. Langsam. Gemächlich. Keine Fehler erlauben, nicht jetzt, nicht jetzt.

Mir rann der Schweiß an den Schläfen hinab, als ich endlich von Diane zurücktrat. Hinter mir klickte ein Feuerzeug. As ich einen Blick zurückwarf, schob Sienna eine damenhaft lange Zigarette zwischen ihre roten Lippen.

»Du hast mich nicht hereinkommen gehört, oder?«

Man hätte Bomben über meinem Haus abwerfen können, und ich hätte es nicht bemerkt. Aber ich hob mir meine Antwort für später auf, richtete den Blick auf Diane. Sie bewegte sich nicht. Da war nur ihr Atem, der leise durch den Raum zu streichen schien und dennoch das lauteste Geräusch der Welt für mich war.

»Daro …«

»Gib ihr Zeit«, sagte ich.

Sienna legte eine Hand auf meine Schulter, aber ich schüttelte sie ab. Wenn Diane nicht aufwachte, war all meine Arbeit umsonst gewesen. Dann hatte ich Hyperion für nichts geweckt und getötet, und der bloße Gedanke daran trieb mir eine säuerliche Übelkeit die Kehle hinauf.

Schweigen. Ich hatte das Gefühl, dass ich selbst eine Feder auf den Boden hätte gleiten hören; gleichzeitig waren meine Nerven zum Zerreißen gespannt.

Diane runzelte die Stirn. Ihre Augenlider flatterten.

»Was …« Sie drehte sich auf die Seite. »Was hast du angestellt, Daro? Es ist kalt hier, du solltest dein Labor …«

Sie unterbrach sich, als ich sie in die Arme schloss. Ich hörte, wie ihr vor Überraschung der Atem stockte, aber ich drückte sie nur noch fester an mich und spürte, wie Tränen aus meinen Augenwinkeln rannen.

»Ist ja gut.« Diane brachte meinen Kopf auf Abstand. »Du benimmst dich wirklich eigenartig, weißt du das?«

»Tut mir leid«, nuschelte ich.

Einen Augenblick lang wirkte Diane irritiert, doch dann stahl sich ein Lächeln in ihre Mundwinkel. Irgendwann würde ich ihr alles erzählen, dachte ich. Davon, wie ich Hyperion geweckt und Sienna kennengelernt und nicht aufgehört hatte, an sie zu denken.

Es gibt drei Dinge, die eine Fee zu töten vermögen.

Vielleicht sterbe ich eines Tages an der Liebe, aber ich werde nicht allein sein.

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By Published On: Dezember 21st, 2022Categories: Geschreibsel, Kurzgeschichte0 Comments